Es war so und doch ganz anders. Aber ob es so war oder anders, spielt keine Rolle. Denn es ist gekommen, wie es kam und das ist gut so, denn nichts, was passiert, kann schlecht sein. Denn alles, was passiert, ist Teil des großen Ganzen. Ob es aber besser gewesen wäre, wenn es anders gekommen wäre, lässt sich nicht so genau sagen, denn es ist nun mal so gekommen, wie es kam und deswegen kann ich höchstens mutmaßen, wie es gekommen wäre, wenn es anders gekommen wäre. Denn selbst, wenn es anders gekommen wäre, wäre es gut gewesen, denn dann hätte das, was gekommen wäre, auch zum großen Ganzen gehört. Somit ist alles gut, was geschieht, denn das, was geschieht, gehört zum großen Ganzen und alles, was darin geschieht, ist gut.
Aber ich, die ich Teil des großen Ganzen bin, sehne mich nach dem großen Ganzen zu dem ich gehöre, als wäre ich getrennt von ihm. Und werte, wegen der gefühlten Trennung und der Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen. Und werte, weil ich aus der vermeintlichen Trennung heraus gewohnt bin, in Kategorien wie gut und böse, richtig und falsch zu denken. Und werte, weil das Andere und Dortige immer besser erscheint als das Hiesige und Eine, welches das Meine ist, während der Nachbar mit dem anderen und dortigen einfach besser dran zu sein scheint.
So liegt es an mir, wie ich das betrachte, was im großen Ganzen geschieht: Ist das große Ganze in meinen Augen gut und richtig oder bös und gemein.
Da fängt es für mich an, spannend zu werden. Denn, wenn ich denke, dass alles, was im großen Ganzen geschieht, böse, falsch und schlecht ist, halte ich noch stärker an der Misere fest, in der ich eh schon stecke, weil das Böse und Schlechte deutlich spürbar lähmt und die kollektive Depression füttert, die zwar kollektiv ist, aber unter der doch jeder einzelne leidet. Ich zumindest spüre weniger das Kollektiv am Leib als mein eigenes, selbst wenn diese die Auswirkungen des kollektiven Übels auf mich ist. Aber wer sagt denn, dass Arbeitslosigkeit und Krankheit per se schlimm sein müssen? Niemand? Na also, alles Sache der Sichtweise.
Für mich ist meine Sicht auf das große Ganze durchaus abhängig von dem, wie ich mich und mein kleines Leben sehe und empfinde. Für mich ist es wirklich weltbewegend, ob ich mich krank fühle oder gesund, richtig oder falsch, gut oder böse, ob ich Anerkennung bekomme oder nicht. Und so ist es mir ein Trost, wenn ich die Perspektive wechseln kann und anerkenne, dass alles, was geschieht, gut ist, weil es geschieht wie es ist. Weil alles, was geschieht, gut und richtig ist, weil aus der göttlichen Ordnung nichts herausfallen kann, nicht mal ich. Und wenn ich mir das bewusst mache, beginne ich, mich und mein Leben als gut und richtig zu erleben. Und so entwische ich der großen kollektiven Depression, was ich am eigenen Leibe als sehr angenehm empfinde, denn ich erlebe mich als guten und richtigen Teil des guten und richtigen großen Ganzen.
Und vielleicht irre ich auch, wenn ich sage, dass es dem großen Ganzen egal ist, wie wir uns fühlen und bewerten. Vielleicht huscht dem großen Ganzen doch ein kleines Lächeln übers Gesicht, wenn es merkt, dass wieder mal ein Teil seiner selbst aufgewacht ist und merkt, worum es eigentlich geht, hier in diesem Leben.
ich hatte mich an mein lächeln gewöhnt. es erhellte, so meinte ich, mein leben. es öffnete, glaubte ich, mir zugang zu meinen mitmenschen. in wirklichkeit, ahnte ich, trennte es mich. von mir. von meinen mitmenschen. vom leben.
perfekt hatte ich gelernt, meine gefühle zu verbergen. meinem elternhaus war der begriff ?gefühl' theoretisch bekannt. der unterschied zwischen theorie und praxis ist bekanntlich groß. so kam es, dass ich mich am grab meiner mutter seltsam fühlte, weil mir als einziger aus der familie vereinzelte tränen über das gesicht liefen. hinter meinem lächeln verbarg ich mich. ein gutes versteck. darin wohnten alle unbekannten und verdrängte gefühle sowie alle unerhörten inneren stimmen. dort führten sie ein wildes leben.
ich fühlte mich wohl unter den anerkennenden blicken meiner lehrer und dozenten, später meiner mitarbeiter und vorgesetzten. sie sahen mein lächeln, würdigten es ebenso wie meinen fleiß und zuverlässigkeit, förderten und forderten mich. dies gab mir kraft für die arbeit, den haushalt, die familie. aber es erreichte mich nicht. denn ich glaubte mir schon lange nicht mehr, wenn ich in den spiegel blickte.
manchmal spürte ich eine veränderung in meinem lächeln. es fror ein, wenn ich mit einem noch verbisseneren menschen zusammen war. es erstarrte angesichts eines echten kompliments. dehnte sich aus mit einer auszeichnung und wuchs angesichts einer höheren anforderung. es veränderte sich beizeiten, aber nie verließ es mich ganz. selbst beim einschlafen oder aufwachen erschien es auf meinem gesicht. entspannung kannte ich nicht.
ich vermisste nichts, wusste nicht, was es zu vermissen gäbe. bis eines tages meine welt zusammen brach. mein mann verließ mich. ich folgte meinem reaktionsmuster und verschwand hinter meinem lächeln im betrieb. vertraute meinen kompetenzen. diese verließen mich mit den kindern, die ihrem vater in die neue ehe folgten. ich blieb allein zurück. mit meinem lächeln. mein chef schickte mich heim, als ich zusammenbrach. ich schaute ihn an, verstand nichts. ich ging heim mit meinem lächeln. als ich es im spiegel sah, erschrak ich. die augen in tiefen höhlen, darunter ein verkrampfter mund. ich schlug zu.
das war wohl die rettung. nach langer behandlung habe ich kein chronisches lächeln mehr. dafür lebe ich. zeige ich wut oder ärger so verzieht sich mein gesicht zu einer fratze und gott erbarme, wer mir dann in die nähe kommt.
und nur dann, wenn ich mich wirklich freue, huscht mir ein lächeln über das gesicht. dann aber sehe ich aus wie der strahlende sonnenschein. und fühle auch so.